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ich fand das so toll zu lesen deshalb will ich es euch nicht vorenthalten *grins*
Es gibt nicht besonders viele Gründe dafür, dass Männer älter als 40 werden sollten. Phänotypisch ereignet sich in ungefähr diesem Alter die zweite große Veränderung nach der Pubertät. Der 22-Jährige hat einen muskulösen Bauch, einen knackigen Hintern und ein ebenmäßiges Gesicht. Dem 42- Jährigen aber wachsen Haare aus der Nase, sein bindegewebsgeschwächter Bauch flappt über den Gürtel und der Hintern erinnert an Niedersachsen, das flach und weitläufig ist.
Noch bedenklicher aber sind die Veränderungen in der Seele des Mannes, die irgendwo in der Mitte zwischen Schädeldecke und Fersenbein sitzt. Mit 40 beginnt der Mann auf sein Leben zurückzuschauen. Wenn er nicht völlig depressiv, also realistisch ist, wird er glauben, viel geleistet und einiges erreicht zu haben. Dies wird selbst der größte Loser seiner außergewöhnlichen Persönlichkeit zugute halten. Und genau das ist der Kern des Elends des alternden Mannes: In den Mittelpunkt seines Denkens und Fühlens rückt immer mehr er selbst.
Mit seinem Bauch und seinen Nasenhaaren wächst auch sein Selbstbewusstsein. Den Jüngeren erklärt er die Welt am Beispiel seines eigenen Lebens; Rat sucht er immer mehr bei sich selbst. Der alternde Mann ist nicht nur ein Rechthaber, sondern auch ein Hypochonder. Weil die Welt sich um ihn dreht, ist auch sein Leid größer als das jedes anderen. Wenn er mal krank ist, diagnostiziert er seine Erkältung sofort als Vorstufe des Lassafiebers. (Lehrreich, auch in dieser Hinsicht: die Tagebücher von Thomas Mann oder die Memoiren von Georges Simenon. Niemand leidet so schön wie alternde, intelligente Männer.) In jedem Fall aber kennt er keine Grenzen, und Privilegien hält er für normale Rechte.
Helmut Kohl zum Beispiel. Er war wieder einmal vor dem Untersuchungsausschuss und hat wieder einmal ganz selbstverständlich sein Recht auf Gesetzesbruch verteidigt. Es geht schließlich um seine Ehre, und was könnte wichtiger sein als die? Oder Kurt Biedenkopf. Natürlich steht es ihm zu, billigere Billys bei Ikea zu kaufen, denn schließlich ist er Professor Doktor Kurt Biedenkopf, legitimer Nachfolger Augusts des Starken. Oder, apropos August, Ernst August von Hannover. Klar darf er Fotografen prügeln, denn auch dafür hat Gott die niederen Stände schließlich geschaffen. Gewiss, Kohl und Biedenkopf sind besondere Beweise für die Deformation des Mannes im fortschreitenden Alter. Die Zeugen des ganz normalen Wahnsinns aber sind zahlreich; wer das nicht glaubt, frage die Frauen. Sie tragen am schwersten an ihren baucheinziehenden Chefs, ihren ins Selbstgespräch vertieften Lebenspartnern, ihren stets sterbenskranken Kollegen, ihren Meine-Frau-versteht-mich-nicht-Geliebten. Die sind eigentlich noch schlimmer als Kohl und Biedenkopf, weil sie allgegenwärtig sind.
(*Streiflicht* vom 14.12. 2001)
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